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Zur
Geschichte der wirtschaftlichen Grundlagen
3. Krisen
Infolge von Seuchen und Krankheiten bei Mensch und Vieh, durch Unwetter,
Brandkatastrophen und Kriegswirren ist den Einwohnern unentwegt in der 850jährigen Geschichte Ihres Dorfes schweres Leid zugefügt worden. Zeiten des
Friedens, der allgemeinen Gesundheit und auch des persönlichen Glücks wurden immer wieder jäh unterbrochen von solchen des Unglücks und der schweren
Rückschläge, die nicht selten die Existenzgrundlage der Betroffenen im Mark erschütterten.
Von den verschiedenen Seuchen unter dem Vieh machte den
Bauern in Bornum die Maul- und Klauenseuche besonders zu schaffen. Fortwährend durch dir Jahrhunderte hat sie ihnen große Viehverluste abgefordert. Ihre
erfolgreiche veterinärmedizinische Bekämpfung gelang eigentlich erst in unserem Jahrhundert. Um 1920 trat sie so heftig auf, dass sie besonders unter dem
Jungvieh des Dorfes große, gesunde Tiere dahinraffte. In einer Nacht ließ sie allein in einem Hof 3 große Tiere verenden. Mit den Eutern voller Schorfe,
vor allem an den Strichen, war das Melken für die Tiere eine Qual. In den Jahren 1926, 1932, 1936 und 1944 trat sie nochmals auf. Der Milchertrag sank fast
auf 0 herunter. Die Tiere müssen große Schmerzengehabt haben und sind tagelang nicht aufgestanden. Selbst Schweine wurden in dieser Zeit von der Seuche
erfasst , wogegen die Schafe verschont blieben. Als einziges Gegenmittel hielten die Bauern früher nur ein schnelles Durchseuchen des gesamten
Viehbestandes bereit.
Die Kälberruhr trat im Jahre 1904 und 1906 besonders heimtückisch auf. Die Kälber starben immer 8 bis 14 Tage nach der Geburt.
Es wurden damals neue, gesunde Tiere gekauft, die jedoch ebenfalls bald starben, da die Stallungen nach der Seuche nicht genügend desinfiziert worden
waren. Auch 1962 erlag auf mehreren Höfen eine große Zahl von Tieren dieser Seuche. Noch in unserem Jahrhundert waren die Bewohner der Dörfer in unserer
näheren Heimat noch sehr dem Aberglauben verfallen oder gar der Hexerei zugetan. Wenn eine Seuche oder sonstige Beschwerden beim Vieh oder bei den Menschen
auftraten, ließ man anstatt einen Arzt oder einen Fachkundigen zu Rate zu ziehen, einen Wundertätigen gegen gute Entlohnung holen, von dem man sich hinter
vorgehaltener Hand zuraunte, „hei verstünne sik oppet bespräken, handoplejen und at taurechterneuern von wunnersalven“. Wie gelegentlich in anderen
Dörfern , hatten wir auch noch viele Jahre nach dem 2. Weltkriege eine Frau wohnen, die sich im Besitze solcher angeblich überirdischen Kräfte glaubte und
im Bedarfsfalle mit entsprechenden Angeboten bei den Bauern in der Umgebung vorstellig geworden sein soll. Sie hat sich übrigens zeitlebens beharrlich
dagegen gewehrt, fotografiert zu werden.
Nicht nur Seuchen und Krankheiten können den Bestand eines Bauernhofes in Gefahr bringen. Auf dem Felde
kann der Bauer nie letzte Hand an seine Arbeit legen. Nach der Aussaat ist sein bestellter Acker bis zur Ernte auf Gedeih und Verderb den Launen und
Unbilden des Wetters ausgesetzt. Sind die Witterungsverhältnisse ungünstig oder arten gar in Unwetterkatastrophen aus, so waren alle Müh und Arbeit,
Landbestellung und Düngung vergebens. Daran hat sich bis heute nichts geändert, trotz Mechanisierung und Automatisierung in der Landwirtschaft.
Eine
solche Katastrophe ereignete sich vor 94 Jahren. Am 30. Juni 1891 ging sie unbarmherzig über das ganze Land Braunschweig nieder. Nach damaligen Berichten
soll eine derartige Schwüle geherrscht haben, dass man in Bornum außerstande war, zu arbeiten. Gegen Nachmittag sei dann das unvermeidlich schwere Gewitter
heraufgezogen. Binnen einer Stunde war die ganze Felsmark mit ihrem Korn in ein Chaos gestürzt worden. Hagelstücke von Taubeneiergröße prasselten nieder.
Infolge des schweren Hagelschlages waren die Kornfelder flachgewälzt, ganze Dächer abgedeckt und hunderte von Fensterscheiben zertrümmert worden. In banger
Sorge um die gesicherte Versorgung ihrer Familien entschlossen sich die Bornumer damals, den Acker nochmals zu pflügen und zu bestellen. Die Witterung
begünstigte dann auch das Gedeihen der zweiten Ernte. Sie wurde zwar etwas verspätet eingeholt und ihr Ertrag war geringer, jedoch kamen die Landwirte noch
mit einem blauen Auge davon.
Das Jahr 1911 ging als Glutjahr in die Geschichte unserer Gemeinde ein. Wegen des allgemein recht feuchten Bodens
konnten kürzere Dürreperioden dem Getreide nichts anhaben. Diesmal zug sich die Trockenperiode vom Frühjahr bis zum späten Herbst hin. In dieser Zeitspanne
soll nicht ein Tropfen Wasser vom Himmelgefallen sein. Das Korn auf den Feldern war zu kurz, um es mit der Sense mähen zu können. Die Stallfütterung mußte
unterbleiben, da kein Futter mehr zu schneiden war. Das Rindvieh mußte, wie einst vor der Separation, wieder gehütet werden. Eine große Schädlingsplage
setzte ein. Hilflos sahen die Bauern zu, wie ihre Kartoffeln von den Käfern zerfressen wurden. Die Rübenernte dieses Jahr fiel erwartungsgemäß besonders
schlecht aus, und die Zuckerfabrik Königslutter ordnete an, dass die Bauern auch die kleinsten Rüben sorgfältig abklopfen und zur Fabrik schicken sollten.
Niederschläge in überreichlichem Maße haben sich bereits wiederholt besonders ungünstig in der Gemarkung Bornum ausgewirkt. Die Jahre 1897, 1912, 1926,
1941 und 1952 waren Jahre, in denen sich das nasse Element ungehindert austobte. Selbst während der Ernte trat das Wasser über die Ufer der Vorfluter. Die
Ernten sind damals mehr eingestohlen denn eingebracht worden. Oft war das Getreide auch schon verfault. Auf eine Heuernte mußte in diesen Jahren
verschiedentlich vollkommen verzichtet werden.
Neben solchen extremen Witterungsverhältnissen von der beginnenden Vegetation bis zur
herbstlichen Reife machte selbst mancher Winter mit seinen ersehnten Ruhetagen den Bauern manchmal große Sorgen um die künftige Ernte. Am 10.02.1929 hatte
das Thermometer einen Maximalwert von Minus 30 Grad erreicht. Das war in Bornum seit Menschengedenken nicht mehr vorgekommen. Das Rehwild lief sich
in dem verharschten Schnee die Hufe wund. Der Förster ging damals mit einem Aufgebot von Männern in den Elm hinein, um dort nicht mehr lauffähige Tiere vor
dem Erfrieren und dem Hungertod zu bewahren.
Die B 1 war von Königslutter bis Cremlingen gesperrt. Diesem einzigartigen Winter gingen ein ganz
ungewöhnlicher Sommer und Herbst voraus. Die Ernte war zwar gut, wurde aber unter schwierigsten Bedingungen eingeholt. Noch schlimmer kam der Herbst. Eine
unglaublich strenge Frostperiode setzte ab Mitte Oktober ein. Kartoffeln und Rüben mussten mit der Hand in Eis und Schnee gerodet werden. Damit die Milch
rechtzeitig zur Molkerei angeliefert werden konnte, mussten die Dorfbewohner morgendlich große Schneemassen vor ihren Höfen beseitigen. Als diese
Schneemassen zu tauen begannen, hatte sich in der Wendsee ein Staudamm gebildet, der schließlich von den gestauten Wassermassen durchbrochen wurde. Die
lawinenartig zu Tal rauschenden Fluten rissen dabei vieles mit sich. Die gesamte Wintersaat, die vorher sorgfältig ausgesucht worden war, wurde restlos
vernichtet. Wie so oft mussten unsere Bauern die Äcker nochmals pflügen und bestellen. Brücken und Mauern waren zu reparieren.
Mit der Hygiene war
es in unserem Dorf bis zur Jahrhundertwende nicht besonders gut bestellt. Viele Frauen starben nach der Geburt an Kindbettfieber, da man bei und nach der
Niederkunft nicht immer mit der gebotenen Sauberkeit zu Werke ging. Die Geburtenquote war noch vor 85 Jahren, wie aus der folgenden Tabelle
ersichtlich wird, sehr hoch. Zwei Ursachen trugen im Wesentlichen dazu bei.: Erstens hatten nicht viele Kinder eine Überlebenschance. Zweitens bedeuteten
die Kinder, sofern sie herangewachsen waren, eine zusätzliche Arbeitskraft für den Bauern. Die kleinen Brinksitzer konnten es sich nicht leisten, einen
Ackergehilfen auf dem Hofe zu beschäftigen. Die hohe Kindersterblichkeit ließ erst nach, als die neuen medizinischen Erkenntnisse des 19. und 20.
Jahrhunderts auf der Grundlage einer gesicherten ärztlichen Versorgung auch hier in die tat umgesetzt werden konnten.
Kindersterblichkeit Bornum /
Elm
1817 wurden von 32 nachweisl. geb. Kindern 12 nicht älter als 3 Jahre 1842 wurden von 28 nachweisl. geb.
Kindern 7 nicht älter als 3 Jahre 1900 wurden von 17 nachweisl. geb. Kindern 8 nicht älter als 3 Jahre 1930
wurden von 9 nachweisl. geb. Kindern 1 nicht älter als 3 Jahre 1967 wurden von 5 nachweisl. geb.
Kindern 0 nicht älter als 3 Jahre
In den zahlreichen Kriegsläufen des Mittelalters und der folgenden Zeit hat Bornum besonders
unter Plünderungen und Brandschatzungen leiden müssen. So auch im Jahr 1550, als die Söldnerscharen Herzog Heinrichs des Jüngeren bei der Belagerung
Braunschweigs der Stadt mehrere Dörfer ausgebrannt hatten. Wohl um ihr Mütchen zu kühlen, rächten sich die Bürger bitter in den herzoglichen Dörfern, wie
auch Bornum eines war. Den überraschten Bauern wurde das Vieh geraubt und nach Braunschweig getrieben. Als sie bei Einbruch der Dunkelheit abzogen, legten
die Eindringlinge Feuer in den Häusern des Dorfes, gleichwohl, um sich den Heimweg zu erhellen. Im Jahre 1640 bezogen kaiserliche Söldner Quartier in
Königslutter und kehrten bei einem „Besuch“ in Bornum das Unterste zum Obersten. Nicht viel besser ging es den Dorfbewohnern 1643 als die Schweden
durch den Ort zogen und ihn in Elend und Jammer zurückließen. Blut und Tränen aus dieser Zeit haben die Straßen und Höfe des Dorfes in sich aufnehmen
müssen. Die Geschlechter dieser furchtbaren Epoche sind uns mit ihrem Leben und Sterben nicht mehr urkundlich überliefert worden.. Sicherlich müssten wir
erschüttert feststellen, wie die Reihen der Familien gelichtet und manche Geschlechter sogar ganz ausgelöscht wurden. Nur der Kirchtum und der heute
selbst langsam aus den Fugen geratende Bergfried haben sich als stumme Zeugen in unsere Gegenwart hinübergerettet.
Quelle: Festschrift 1135
bis 1985 Bornum am Elm
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