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Tetzel, Königslutter und der Tetzelstein
Eine alte Legende und ihr historischer Hintergrund
An den Namen Johann Tetzel wird man im Bereich unserer braunschweigischen Heimat immer wieder
erinnert, wenn man einen Ausflug in den Elm unternimmt. Dort, am "Tetzelstein", soll ja Tetzel der Überlieferung nach von einem Ritter "von Hagen"
überfallen worden sein, als er von Königslutter kam. Es wird erzählt, dieser Ritter habe bei Tetzel zuvor einen Ablaßbrief "für noch zu begehende Sünden" gekauft,
ihm diesen nun unter die Nase gehalten und ihm dann unter Hinweis darauf die Ablaßkasse geraubt.
Derartige Legenden hat man sich im Volk natürlich gern weitererzählt.
Sie sind in der Regel kaum daraufhin nachprüfbar, wie weit sie einen wirklichen historischen Kern haben. Darum haben sich die Forscher, die sich mit der Biographie Tetzels
beschäftigten, meist gar nicht die Mühe gemacht, sie näher zu untersuchen, zumal offensichtlich gerade die Person des Ablaßpredigers Johann Tetzel der Phantasie des Volkes
viel Anhaltspunkte bot. So konnte man zu späterer Zeit an vielen Orten "Ablaßkisten" bewundern, die Tetzel als Kasse seiner Ablaßgelder gedient haben sollen.
Allerdings sind es so viele, daß man ihn schon als "Kistenfan" bezeichnen müßte, wollte man sie ihm alle im Ernst zuschreiben!
Man ist auch geneigt, die
Erzählung vom Überfall Tetzels auf der Höhe des Elms in das Reich der Fabel zu verweisen, wenn man hört, daß auch in der Nähe von Jüterbog ein solcher Überfall erzählt wird,
und dort soll es ein Ritter "von Hacke" gewesen sein. Tetzels Wirken in jener Gegend ist uns jedoch einwandfrei verbürgt, denn dies hatte ja gerade bei Luther
Anstoß erregt. Man muß daher die Frage stellen: Wie weit ist eigentlich eine Tätigkeit Tetzels auch aus dem Gebiet rings um den Elm verbürgt?
Tetzels Ablaßhandel und der Königsluttersche Ablaß
Tetzel hatte im Rahmen seines Auftrags die Vollmacht, alle anderen Ablaßrechte
zeitweilig zu sperren, damit er um so ungehinderter den Ablaß zugunsten des Baues der Peterskirche zu Rom verkündigen könne. Dadurch kamen aber nun manche Kloster- und
Wallfahrtskirchen mit eigenen Ablaßrechten in arge Verlegenheit. Sie waren meist auf Einnahmen aus ihren Ablaßgeldern angewiesen. Jedenfalls trifft dies auf die große
Benediktiner-Abtei zu, die sich seit 1135 in Königslutter befand. Man kann annehmen, daß einige Erneuerungs- und Restaurierungsarbeiten aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die
man noch heute an der Stiftskirche feststellen kann, mindestens teilweise aus Ablaßgeldern finanziert wurden, Jedes Jahr kamen nämlich am Peter-und-Pauls-Tag (29. Juni) Pilger
in großer Zahl von nah und fern zusammen, um bei dieser Gelegenheit u. a. auch Ablaß zu erlangen.
Ob die Ablaßrechte des Klosters tatsächlich bis in die Gründungszeit
zurückreichen, wie man später behauptete, ist nicht mehr nachweisbar und erscheint nach dem Stand der Erforschung der Ablaßgeschichte fraglich. Fest steht indessen, daß im 14.
und 15. Jahrhundert die Wallfahrt nach Königslutter beträchtliche Ausmaße angenommen haben muß. Offensichtlich war Königslutter ein Wallfahrtsort, dessen Name weit über die
Grenzen des Landes bekannt war. Das bestätigte Papst Bonifaz IX. in einer Urkunde bereits im Jahre 1401. Wenig später, im Jahre 1435, mußte der Herzog als Schutzvogt des
Klosters eingreifen, um zu verhindern, daß die Krämer und Kaufleute zur Zeit der Wallfahrt ihre Buden nicht sogar im Kreuzgang und auf dem Kirchhof aufstellten, so sehr hatte
der Wallfahrtsbetrieb überhand genommen.
Das Kloster, das ja nie die Bedeutung erlangt hatte, die ihm einmal von Kaiser Lothar, seinem Gründer, zugedacht war, war nun
aber auf die Einnahmen aus dieser Wallfahrt ganz offensichtlich angewiesen. Es wird demnach sicherlich wie ein Blitz im Kloster eingeschlagen haben, als kurze Zeit vor dem
Eintreffen der ersten Wallfahrer im Jahre 1517 die Nachricht vom Generalvikariat in Magdeburg eintraf, daß auch der königsluttersche Ablaß zeitweilig gesperrt sei. Allerdings
hatte der damalige Abt Johann von Königslutter schon vorher eine entsprechende mündliche Nachricht erhalten und sich hilfesuchend an den Schutzvogt, Herzog Heinrich den
Jüngeren, gewandt. Dieser interpellierte beim Domkapitel in Magdeburg, wohin sich auch der Abt selbst in einem weiteren Schreiben wandte. Der Erfolg dieser Aktion blieb nicht
aus. Ein Brief Tetzels, der im Staatsarchiv Wolfenbüttel erhalten ist, traf noch rechtzeitig vor dem Peter-und-Pauls-Fest, dem Tag der Wallfahrt, im Kloster ein. Tetzel teilte
darin mit: "Ich habe Eure Sache mit den Herren, die mich beraten, verhandelt; die Sache ist dahingehend entschieden, daß Ihr Eure Ablässe frei verkünden könnt, jedoch
abgesehen von einer gewisser Taxe, die an meine Kasse abzuführen ist." Sicherlich wurde dieser Entscheid Tetzels in Königslutter mit großer Erleichterung aufgenommen Wie
hoch die von Tetzel geforderte Ablösungssumme war, wissen wir allerdings nicht.
Dieser Brief ist das einzige direkte Zeugnis das uns eine Verbindung Tetzels nach
Königslutter hin bezeugt. Allerdings gibt er uns keine Antwort darauf, ob Tetzel selbst jemals in Königslutter gewesen ist. Am Ende dieses Briefes gibt Tetzel lediglich seiner
Hoffnung Ausdruck daß er den Abt "in Kürze zu sehen" hoffe. Möglich, daß er damit einen Besuch gemeint hat, bei dem er die Ablösungssumme, mit der sich das Kloster
von der Ablaßsperre freikaufen mußte, zu kassieren gedachte. In solchem Zusammenhang wäre es denkbar, daß ein Überfall auf Tetzel geschehen sein könnte. Aber historisch
nachgewiesen ist das bisher nicht.
Ist die Legende glaubwürdig?
Man kann demnach nur die wenigen bekannten Umstände
abwägen, die für oder gegen die Tetzelstein-Legende sprechen. Gegen die Glaubwürdigkeit dieser Legende spricht, daß es keinen historischen Nachweis dafür gibt, daß Tetzel im
Elm tatsächlich überfallen wurde. Dagegen spricht die Tatsache, daß die gleiche Legende auch in Jüterbog erzählt wird, wo Tetzels Ablaßpredigertätigkeit historisch sicher
verbürgt ist.
Für die Glaubwürdigkeit der Tetzelstein-Legende sprechen lediglich einige Indizien, die für einen historischen Beweis nicht ausreichen, nämlich die
Tatsache, daß sich ein solcher Vorfall durchaus im Anschluß an den erwähnten Briefwechsel des Kloster Königslutter mit Tetzel ereignet haben könnte. Auch paßt die
Tetzelstein-Legende auch sonst in das uns bekannte Lokalkolorit des damaligen Königslutter. Dazu gehört auch die Überlieferung von der "Marienkapelle", die im
Volksmund Tetzelkapelle» genannt wurde. Wie ein Stich von 1830 ausweist, handelte es sich um einen gotischen Anbau an das nördliche Querschiff der Stiftskirche (siehe unten
den Stich aus dem 19. Jhdt.!)den Stich , der später abgerissen wurde. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß diese Kapelle der eigentliche Anziehungspunkt für die
Wallfahrer gewesen ist. Es ist auffällig, daß der Volksmund gerade diese Kapelle mit Tetzel in Verbindung bringt.
Für das Verständnis der damaligen kirchlichen Sitten,
der kirchengeschichtlichen Situation und der Umstände, die die Reformation auslösten, ist dieser ganze Vorgang außerordentlich aufschlußreich Die Frage nach den tieferen
Ursachen der Reformation ist freilich eine ganz andere. Luther selbst hat zwei Jahre später in einem Trostbrief an den im Sterben liegenden Tetzel geschrieben, Tetzel möge
sich nicht bekümmern, denn die Sache (nämlich der Streit um den Ablaß) habe einen ganz anderen Vater". Luther wollte damit zum Ausdruck bringen, daß der Krebsschaden,
unter dem damals die Kirche litt und dessen Auswirkungen sich auch in den Ablaßstreitigkeiten zeigten, viel tiefer säße. Dieser Krebsschaden konnte nur geheilt werden durch
eine Erneuerung aus dem Worte Gottes. D.
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