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Wie alles begann / Wie entstehen unsere Theaterstücke (von Lothar Claus)
Quelle : Bornum-am-Elm.de
Plattdeutsches Theater in Bornum am Elm - Wie alles begann
In der ersten Hälfte der achtziger Jahre gastierte eine Braunschweiger Bühne von Zeit zu Zeit in Bornum und führte hier plattdeutsche Theaterstücke auf. Diese Aufführungen
inspirierten Gerhard Röhrig dazu, selbst Theaterstücke zu verfassen und diese in Bornum aufzuführen. Dabei sollte nicht nur das "Platt" dieser Stücke aus Bornum
kommen, auch die Handlung sollte sich an Geschehnissen aus dem Dorf orientieren und dessen besonderen Witz wiedergeben.
Unser erstes Stück hieß "Dat snaulije
Mariechen", wurde 1985 zunächst vor einem rein Bornumer Publikum uraufgeführt und dauerte ungefähr 20 Minuten. Ihm folgten in jedem Jahr weitere Stücke, die von Jahr zu
Jahr umfangreicher wurden und jeden Winter mehr Zuschauer nach Bornum zogen. Diese Stücke wurden von Gerhard Röhrig, der der Gründer und die Schlüsselfigur der Bornumer
Theatergruppe ist, und Lothar Claus verfaßt. Daneben haben wir bei verschiedenen Bornumer Anlässen (Fasching, Vereins- oder Sommerfeste) immer wieder plattdeutsche Stücke
gezeigt. Hier ist besonders Henry Wohld als erfolgreicher Autor zu nennen
Wie entsteht so ein Plattdeutsches Theaterstück ?
Wenn man sich so ein Theaterstück ansieht, stellt sich zwangsläufig die Frage: woher kommt dieser Stoff? Die Antwort
ist einfach: Aus dem ganz normalen, alltäglichen Leben. Hat nicht jeder von uns schon Geschichten erlebt, die er für so
bemerkenswert hielt, um sie wie auch immer festhalten zu wollen? Häufig gebrauchen wir die Worte: "Na, das hätten wir
jetzt aber filmen müssen!" Unser aller Umfeld - Kindheit, Familie, Freunde, Schule und Beruf - ist voll von Situationen
oder Sprüchen, die wir immer wieder einfach "zum Schießen" finden, die wir immer wieder gern erzählen und an die wir
uns mit Freude zurück erinnern. Dennoch geraten diese Geschichten häufig leider schnell wieder in Vergessenheit.
Nun, bei uns dürfen diese Geschichten aber gerade nicht in Vergessenheit geraten, denn sie sind das Fundament für
unsere Theaterstücke. Viele der Szenen unserer Stücke sind auf Begebenheiten zurückzuführen, die tatsächlich in mehr
oder weniger stark abgewandelter Form in Bornum passiert sind. Abgewandelt deshalb, weil diese Szenen natürlich
niemanden bloßstellen oder beleidigen sollen. "Das ganz normale Leben" ist auch oder gerade auf so einem Dorf wie
Bornum alles andere als eintönig, sondern es ist mitunter sehr interessant, facettenreich und turbulent. Daher eignet es
sich bei weitem besser als z.B. Horror- und Gewaltdarstellungen, um aufgeschrieben und dann als Theaterstück gespielt zu werden.
Das Rezept all unserer plattdeutschen Theaterstücke ist daher also ziemlich einfach:
· lustige Sprüche, Anekdoten und Szenen aus dem Leben sammeln,
· diese zunächst einzelnen Themengebieten (z.B. der Feuerwehr),
· dann konkreten Figuren und später Charaktären der Schauspieler zuordnen,
· eine oder mehrere übergreifende Handlungen (er)finden, die sich wie ein "roter Faden" durch das ganze Stück ziehen,
· die Inhalte und Folge einzelner Szenen und dann einzelner Akte festlegen
· und zum Schluß den Text verfassen - also das Zusammenschreiben.
Eines der wichtigsten Elemente ist die plattdeutsche Sprache, ohne die unsere Stücke sicher so gar nicht denkbar wären.
"Platt" ist auf unseren Dörfern seit ewigen Zeiten zu Hause und eignet sich daher natürlich am besten, um Geschichten
aus eben diesen Dörfern zu erzählen. Sätze wie "Du bist ja so klauke, du kannst woll ohk Kattenschiete in Düstern ruken
?" oder "Da lopet sick dä Muse Bruschen op dä Woßtespiele." kann man sicher auch auf Hochdeutsch ausdrücken, nur
fehlt ihnen dann häufig diese einzigartige Melodie, die wir für unsere Stücke einfach brauchen.
Was für Leute machen bei so etwas mit ?
Eine weitere, häufig gestellte Frage ist: Was sind das für Leute, die bei so einem Stück mitwirken? Auch hier ist die
Antwort wieder einfach. Unsere Stücke beschreiben typische Situationen, wie sie auf unseren Dörfern passieren. Unsere
Schauspieler, mögen sie sonst noch so unterschiedlich sein, haben eines gemeinsam: (Fast) alle sind in Bornum
aufgewachsen oder hier zu Hause und haben daher so diese Situationen - besser Atmosphäre - und die dazugehörenden
Figuren kennengelernt. Sie haben in diesem Umfeld nicht nur das Plattdeutsche gelernt, sondern auch die
dazugehörenden Leute mit den für das Dorf typischen Lebens- und Arbeitsbedingungen, ihren Verhaltensweisen in der
Familie, gegenüber Freunden, Nachbarn und Bekannten und letztendlich auch mit ihren kleinen Eigenarten und ihrem Witz.
Und damit unterscheiden sich unsere Schauspielerinnen und Schauspieler gar nicht so sehr von unseren Zuschauern.
Denn viele kommen gerade deswegen zu unseren Aufführungen, weil sie eben diese Verhältnisse auf dem Dorf kennen,
weil sie wissen, wie es ist, wenn Tiere auf dem Hof gehalten werden oder weil sie sich vielleicht auch noch an so etwas
wie das Hausschlachten erinnern können. Bei einigen Zuschauern hat man sogar den Eindruck, daß sie sich auch in unseren Stücken wie "zu Hause" fühlen.
Noch etwas Statistik ?
Vor allem Spaß, den so ein Stück unseren Zuschauern und uns selbst bereiten soll, liegt zunächst einmal für alle
Beteiligten viel Arbeit. Der eigentliche Stoff, also die Anekdoten und Sprüche, wird über Jahre hinweg vorab gesammelt.
Hierzu genügt es, an der richtigen Stelle einfach gut zuzuhören und sich dann das Gehörte kurz zu notieren. Auch die
Erstellung eines Konzeptes geschieht in mehreren Schritten, häufig parallel zum Sammeln des Stoffes.
Lange vor dem Beginn der Texterstellung muß die Besetzung feststehen. Und das ist eine sehr delikate und somit wichtige Geschichte, denn die im Stück darzustellenden Figuren müssen nachher auf die Neigungen und die Fähigkeiten
der Schauspielerinnen und Schauspieler zugeschnitten sein. Schließlich spielt jeder nur deswegen in diesem Stück mit,
weil er dabei möglichst viel Spaß haben will. Und natürlich spielt jeder noch "mindestens eine weitere Rolle", nämlich in
seiner Familie, auf seiner Arbeitsstelle oder bei anderen Hobbys, die hier auch "mitsprechen" müssen.
Die Texterstellung, also das eigentliche Zusammenschreiben des Theaterstückes, dauert in der Regel zwei bis drei
Wochen. Die Erstellung des endgültigen Textes zu "Pingesten inne Löbeke" hat ungefähr 80 Stunden Arbeit sowie über 200 Seiten Papier
für Notizen und Entwürfe gekostet.
Bevor das Theaterstück eingeübt werden kann, müssen redaktionelle Änderungen und organisatorische Fragen
behandelt werden. Also, welche Passage muß ggf. umgebaut werden, wer steht an welchen Tagen nicht zum Üben zur Verfügung oder an welchen Tagen können wir auf die Bühne?
In der Zeit vom September bis Januar finden die eigentlichen Theaterproben statt. Dazu treffen wir uns in der Regel
zweimal in der Woche. Allein an 25 Abenden haben wir uns getroffen, um auf der Bühne zu proben. Und schon dabei
haben alle Beteiligten insgesamt rund 500 Stunden geleistet. Alles zusammengerechnet verbringen alle Mitwirkenden
über 900 Stunden ihrer Freizeit damit, um so ein Stück von der ersten Notiz bis zur letzten Aufführung "über die Bühne"
zu bringen. Das sind aber Stunden, die in aller Regel sehr viel Spaß mit sich bringen.
Zum Originalartikel : Link
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